Das teuerste Schweigen im Recruiting: Keine Gehaltsangabe in der Stellenanzeige

Gehaltsangaben in Stellenanzeigen erhöhen die Chance auf Bewerbungen. Diese Erkenntnis ist nicht neu und in der Branche bekannt. Dennoch verzichtet ein erheblicher Teil der Betriebe im Handwerk und in der Industrie weiterhin darauf, Gehälter transparent auszuweisen. Aktuell betrifft das rund 40 Prozent der Stellenanzeigen auf PowerUs. Welche Folgen das hat, lässt sich klar in den Daten ablesen.

Als größte auf das Handwerk spezialisierte Jobplattform in Deutschland verfügt PowerUs über einen einzigartigen Datensatz zum Bewerberverhalten im Handwerk. Die folgende Analyse basiert auf 5.595 aktiven Stellenanzeigen der letzten sechs Monate und zeigt, was diese Daten über den Zusammenhang zwischen Gehaltsangabe, Gehaltsformat und Bewerbungseingang verraten, aufgeschlüsselt nach Ausbildungsstand.

1. Der Ausgangspunkt: Was passiert, wenn kein Gehalt angegeben wird?

Von den 5.595 analysierten Stellen enthalten 2.120, also rund 38 %, keinerlei Gehaltsangabe. Wie wirkt sich das auf die Bewerbungsquote aus? Wichtig zum Verständnis der folgenden Zahlen: Jede gezählte Bewerbung ist bereits vorqualifiziert. Das bedeutet, Ausbildung, Erfahrungsniveau und Region passen zur ausgeschriebenen Stelle. Es handelt sich also nicht um rohe Klickzahlen, sondern um echte Kandidaten, die grundsätzlich für die Stelle in Frage kommen.

Stellen ohne Gehaltsangabe erhalten durchschnittlich 6,3 qualifizierte Bewerbungen pro Stelle bei Gesellen und 4,0 bei Meistern und Führungskräften.

Zum Vergleich: Stellen mit Jahresgehaltsangabe erhalten auf Gesellenebene durchschnittlich 14,5 qualifizierte Bewerbungen – also mehr als doppelt so viele. Auf Meister-/Führungskraft-Ebene sind es 6,6. Das ist kein Ausreißer, sondern ein konsistentes Muster über beide Qualifikationsstufen.

Eine fehlende Gehaltsangabe führt zu einem messbaren Nachteil im Bewerbungseingang. Diesen Nachteil können sich in Zeiten des Fachkräftemangels die wenigsten Betriebe leisten.

2. Jahres- oder Monatsgehalt: Welches Format mehr Bewerbungen bringt

Wer überhaupt ein Gehalt angibt, hat bereits einen Vorteil. Aber die Daten zeigen, dass es auch auf das Format ankommt. Das Monatsgehalt ist die mit Abstand häufigste Wahl unter Betrieben, doch gemessen an der Bewerbungsrate ist es nicht das stärkste Format. Der klare Gewinner laut Plattformdaten: das Jahresgehalt, das trotz seiner Seltenheit konsistent die meisten qualifizierten Bewerbungen einbringt.

Warum schneidet das Jahresgehalt am besten ab? Ein Teil der Erklärung liegt in der Darstellung: Jahresgehälter wirken in der Wahrnehmung höher als monatliche Angaben. Hinzu kommt: Eine Regressionsanalyse der Plattformdaten bestätigt, dass höhere Gehälter grundsätzlich mehr Bewerbungen anziehen. Auf Gesellenebene erhält das oberste Gehaltsquintil (Ø € 4.531/ Monat) mit durchschnittlich 18,4 Bewerbungen mehr als doppelt so viele wie das unterste Quintil (Ø € 3.340/ Monat → 8,0 Bewerbungen). Auf Meisterebene ist der Effekt sogar noch ausgeprägter: Das oberste Quintil (Ø € 6.569/ Monat) erzielt mit 9,7 Bewerbungen fast dreimal so viele wie das unterste (Ø € 4.188/ Monat → 3,7 Bewerbungen).

Der Zusammenhang ist statistisch signifikant, aber moderat, denn Gehalt ist nicht der einzige Faktor. Gewerk, Region und Mitarbeitervorteile spielen ebenfalls eine Rolle. Aber es gibt noch eine weitere Dimension: Das Format selbst sendet ein Signal. Betriebe, die ihr Gehalt als Jahreswert ausweisen, wirken moderner und transparenter und ziehen damit tendenziell Bewerber an, die genau das suchen. Stundengehalt hingegen ist im Handwerk zunehmend ein Auslaufmodell: Es mag in manchen Branchen üblich sein, wirkt aber auf qualifizierte Fachkräfte oft wenig einladend. Das wird vor allem in den Daten für Gesellen klar, da hier Stellen mit Stundengehältern im Schnitt sogar etwas weniger Bewerber erhalten als Stellen ohne Gehaltsangabe. Das Monatsgehalt ist der Standard, aber wer einen Schritt weitergehen will, denkt in Jahreswerten.

Auch Betriebe ohne Spitzengehälter können ihre Chancen gezielt verbessern. Denn das Format der Gehaltsangabe lässt sich ohne zusätzliche Kosten optimieren. Wer sein Monatsgehalt als Jahreswert ausweist, verschafft sich damit einen messbaren Vorteil gegenüber den rund 90 Prozent der Betriebe, die weiterhin auf das Monatsformat setzen.

Stellenanzeigen & Recruiting

Ø Qualifizierte Bewerbungen pro Stelle nach Gehaltsformat

Aufgeschlüsselt nach Qualifikationsniveau · Basis: 5.595 aktive Stellenanzeigen

Quelle: PowerUs-Plattformdaten, September 2025 – März 2026. Nur aktive Stellen.

3. Ausbildung vs. Meister: Gleiche Logik, unterschiedliche Ausgangslage

Der Effekt der Gehaltstransparenz gilt auf beiden Qualifikationsstufen – aber er zeigt sich unterschiedlich stark. Bei Gesellen ist der Anstieg besonders deutlich: Ein Jahresgehalt bringt hier rund 130 % mehr Bewerbungen als keine Angabe. Bei Meistern liegt der Effekt mit rund 65 % ebenfalls klar im Plus, fällt aber spürbar geringer aus. Der Grund dafür ist naheliegend: Der Meistermarkt ist schlicht kleiner, die Gehälter sind generell höher, und das Gehaltsniveau der verschiedenen Formate liegt näher beieinander. Der Effekt ist also nicht schwächer, weil Transparenz bei Führungskräften weniger wichtig wäre – sondern weil der Markt enger und die Ausgangsbasis attraktiver ist.

Auf einen Blick: Der Effekt auf Bewerbungen gilt für alle Qualifikationsstufen

Gesellen: Jahresgehalt +130 %  ·  Monatsgehalt +79 % (vs. kein Gehalt)

Meister/Führungskräfte: Jahresgehalt +65 %  ·  Monatsgehalt +23 % (vs. kein Gehalt)

4. Der rechtliche Rahmen: Ab 7. Juni 2026 wird Transparenz Pflicht

Ab dem 7. Juni 2026 sind Unternehmen verpflichtet, im Bewerbungsprozess ein Einstiegsgehalt oder eine Gehaltsspanne offenzulegen. Grundlage ist die EU-Richtlinie 2023/970 – sie gilt unabhängig von der Betriebsgröße.

Die gesetzliche Anforderung kommt also unabhängig davon, ob ein Betrieb das intern für sinnvoll hält. Eine frühzeitige Umsetzung bietet bereits heute Vorteile: Unternehmen sichern sich einen Wettbewerbsvorteil und bereiten sich gleichzeitig auf die kommende Rechtslage vor.

5. Was das konkret bedeutet: Drei Schlussfolgerungen

Die Daten aus über 5.000 Stellenanzeigen zeichnen ein klares Bild: Gehaltstransparenz ist kein Trend und keine Empfehlung mehr, sondern ein messbarer Hebel im Wettbewerb um Fachkräfte.

Dabei geht es nicht nur um die nackte Zahl. Die Art, wie ein Betrieb sein Gehalt kommuniziert, sagt etwas über ihn aus. Betriebe, die ein Jahresgehalt angeben, wirken moderner und transparenter und heben sich damit von der Mehrheit ab, die weiterhin auf das Monatsformat setzt. In einem Bewerbermarkt, in dem Fachkräfte mehrere Angebote parallel vergleichen, kann genau dieser Unterschied bereits vor dem ersten Gespräch entscheidend sein.

Gleichzeitig zeigen die Daten, dass Gehalt zwar der stärkste Einzelfaktor ist, aber nicht der einzige. Zusatzleistungen spielen ebenfalls eine starke Rolle. Betriebe, die beim Gehalt nicht an der Spitze liegen, können diesen Rückstand durch ein überzeugendes Gesamtpaket teilweise ausgleichen.

Drei konkrete Maßnahmen:

  1. Gehalt angeben: Wer transparent ist, gewinnt mehr Bewerbungen. Wer wartet, verliert.
  2. Auf Jahreswerte umstellen: Das Jahresgehalt bringt bis zu 28 % mehr Bewerbungen bei Gesellen und 35 % bei Meistern – ohne das Gehalt zu erhöhen.
  3. Gesamtpaket sichtbar machen: Zusatzleistungen wie Firmenwagen, Weiterbildung oder flexible Arbeitszeiten gleichen Gehaltsunterschiede teilweise aus.

Wer tiefer einsteigen möchte: PowerUs veröffentlicht regelmäßig Gehaltsreports für alle wichtigen Gewerke im Handwerk, von Elektronik über SHK bis hin zu Kfz-Mechatronik. Sie geben einen konkreten Überblick darüber, was Fachkräfte in der jeweiligen Region und auf dem jeweiligen Erfahrungsniveau erwarten. Und wer wissen möchte, mit welchen Zusatzleistungen sich ein Angebot auch jenseits des Gehalts attraktiv gestalten lässt, findet im PowerUs Mitarbeitervorteile-Report aktuelle Daten dazu, was Handwerkern bei der Jobwahl wirklich wichtig ist.